Die letzten zwei Wochen waren zum Teil sehr einsam, aber auch erlebnisreich, definitiv anders als alles was ich davor erlebt habe. Am Anfang wusste ich ehrlich gesagt gar nicht genau was ich machen muss und wie alles abläuft, aber man kommt dann doch schnell dahinter. In Alaska ist es wirklich nicht üblich irgendjemand ausführlicher über seine Tätigkeit zu informieren, man hat ja keine Eile.
Morgens gegen 5 Uhr wurde ich mehr oder weniger unfreiwillig geweckt. Da ich quasi in der Küche geschlafen habe und die Küche direkt an der Eingangstür ist, kann man fast gar nicht nicht aufwachen. Jedenfalls habe ich mich die ersten paar Tage definitiv aus dem „Bett“ raus quälen müssen.
Mein sogenanntes Bett war ein altes Rostgestell mit einer mega dünnen Schaumstoffmatte. Gott sei Dank hatten wir vom Pferdetrip noch Thermaplast Matratzen die ich noch darauf gelegt habe. Dann habe ich eine wundervolle Tigerdecke gefunden mit der ich mich zusätzlich zum Schlafsack noch zudecken konnte. Es war dann letztendlich ganz bequem, aber trotzdem freue ich mich schon sehr darauf, wenn ich wieder in einem richtigen Bett mit einer guten Matratze schlafen kann. Aber das wirklich atemberaubende an dem Zimmer war, dass man morgens, wenn man aufgewacht ist, direkt auf den Gletscher blicken konnte! Dafür kann man schon mal einiges in Kauf nehmen.
Wenn ich schon einmal dabei bin, beschreibe ich euch die Wohnsituation noch etwas mehr. Also das Haus hat zwei Ebenen. Küche, Essbereich und mein Raum sind unten. Mein Zimmer ist mit Holzspanplatten von dem Rest abgetrennt. Für eine Tür hat das Geld wohl nicht mehr gereicht, habe nur einen Vorhang und der war noch nicht einmal Blickdicht, dh. man konnte vom Esstisch direkt auf mein Bett gucken. Herrlich! Zwischen den Holzspanplatten und der Decke war ungefähr 20cm Luft und letztendlich lag mein Kopf neben dem Herd, abgesehen davon das ein bisschen Holz dazwischen war. Man gewöhnt sich an alles! Dann ging eine Treppe nach oben wo die Jäger geschlafen haben. Die hatten zwar bequemere Matratzen, allerdings auch keine Tür und geschweige denn einen Vorhang! :D Um die obere Ebene war ein riesen Balkon drum herum, von den man die wunderbare Sicht auf den Gletscher und das Tal genießen und sich auch an sonnigen Tagen wunderbar sonnen kann. Dann sind da noch vier weitere kleine Hütten, in denen Morgan –der Wrangler– und Ron –mein Boss– geschlafen haben. Verglichen mit den anderen kleineren Hütten, hatte ich wirklich die Luxusausstattung! Ich glaube nicht, dass ich in Morgans Hütte hätte schlafen können. Wenn man schon in der Tür stand, hat man die Mäuse krabbeln hören und auch die ganze Pisse konnte man riechen. Aber Männer sind ja da immer etwas weniger empfindlich! Die Außentoilette war etwa 30m vom Haus entfernt, aber hey Alaska ist ein riesige Außentoilette, also musste man da nur einmal am Tag für seine wirklich wichtigen Geschäfte hinlaufen ;) Neben der Außentoilette gab es auch noch die Outdoorshower. Das ist quasi ein kleines Zelt mit einem 20l Beutel den man mit Wasser füllt. Ich kann an einer Hand abzählen wie oft ich geduscht habe! J Und auch nur bei guten Wetter.
Ansonsten fühlt man sich etwas in der Zeit zurück versetzt. Licht geht nur mit Hilfe von Propangasflaschen. Jeden Tag muss Wasser vom Fluss abgepumpt und dann zum Haus transportiert, um dann in einen riesigen Behälter gefüllt zu werden. Folglich, wenn man warmes Wasser will, muss man Wasser warm machen. Es kam öfters vor, dass während dem Kochen das Gas ausgegangen ist. Sehr lustig! Kein Strom, außer der Generator läuft. Und Benzin wird nur alles 7 oder 10 Tage eingeflogen, man ist also sehr sparsam damit. Es ist also seeehr ruhig, wenn keiner außer mir im Haus ist. Anfangs war es etwas beängstigend, da man bei jedem
kleinem Geräusch sonst was denkst, aber dann ist die Stille einfach nur entspannend. An Internet, TV oder ähnliches ist gar nicht zu denken! Was haben die Menschen damals nur gemacht, als es das alles noch nicht vorhanden war? Die ersten zwei Tage, als es nur geregnet hat, hab ich anfangs nicht so recht gewusst was ich mit mir anfangen soll. Einfach sehr ungewohnt. Hatte ein paar Bücher zum Lesen dabei, aber irgendwie war mir nicht nach lesen. Ich habe dann angefangen zu backen! Und zwar jeden Tag! Ab und an hatten wir strahlend blauen Himmel und es war bulle warm und ich lag den ganzen Tag auf dem Balkon, habe mich gesonnt und gelesen.
Mein Tagesablauf war letztendlich immer gleich. Nachdem Frühstück wurden die Pferde gesattelt und die Männer sind auf die Jagd nach den alten Schafen gegangen. Ich habe mich dann meisten für weitere 4-5h hingelegt und ein Vormittagsschläfchen gemacht! Dann habe ich gefegt, gebacken, Tagebuch geschrieben, Essen für den Abend rausgesucht, gelesen, bin spazieren gegangen, Briefe und Postkarten geschrieben… also ehrlich gesagt, kam ich mir vor wie eine altes Hausmütterchen, die auf Ihre Familie wartet, die von der Jagd mit einem riesen Schaf nach Hause kommt, um Essen für die restliche Woche zu haben. „Meine Männer“ kamen meistens zwischen 18-24Uhr zurück. Umso später, desto anstrengender für mich, da ich mich manchmal schon hingelegt hatte und völlig weggepennt bin und mich dann wieder aufrappeln musste um Essen zu machen, dann abwaschen, Frühstück vorbereiten und wieder ins Bett fallen lassen. Es war also manchmal nicht ganz so entspannend ;)
Ihr werdet lachen, aber ich kam mir schon wie verheiratet vor! Nur von Männern umgeben, die sich auch wirklich rührend um mich gekümmert haben, wenn Sie abends wieder zurück waren. Da man so abgeschieden ist, fühlt man sie wie einer Zwangsehe auf Zeit :D aber eher am Ende, da man getrennte Schlafräume hat, aber doch so herzlich miteinander umgeht und alles teilt. Naja, man hat ja auch quasi keine andere Wahl.
Ich kann jedenfalls mit Sicherheit sagen, dass ich keine Hausfrau werden möchte und wirklich nicht verstehen kann wie manche Menschen, dass ihr Leben lang machen können.
Nachdem die ersten zwei Jäger kein Glück in den ersten 7 Tagen hatten, bin ich am letzten Tag einmal mit, um zu sehen was genau „Sheep Hunting“ ist. Also ich kann wirklich überhaupt nicht nachvollziehen warum Männer $12000 für sowas zahlen! Morgens um 5Uhr aufstehen, dann aufs Pferd schwingen und Meilen weit irgendwo hin reiten, um dort die Berge nach Schafen mit Ferngläsern abzusuchen. Wenn dann eins oder auch mehrere gesichtet werden, wird sich in die Büsche geschmissen und das Vieh (zum Teil Stundenlang) beobachtet und überlegt was die beste Variante ist, um sich nahe genug an das Schaf heran zu pirschen. Je nach dem wo das Schaf sitzt/liegt/steht, wird dann eventuell noch einmal mit den Pferden irgendwo hin geritten. Morgan und ich sind dann mit den Pferden am Fuß vom Berg geblieben und die anderen sind dann den kompliziert den Berg hoch gewandert, damit das Schaf sie weder sehen noch riechen kann. Dann wird sich in eine gute Position zum Schießen gebracht und dann das arme Schaf auch hoffentlich gleich beim ersten Mal erschossen, damit es nicht so lange leiden muss. Morgan und ich haben uns wie zwei Schulkinder gefreut als wir den Schuss gehört haben, denn das heißt, dass wir einen freien Tag haben! An Ort und Stelle wird das Schaf dann gehäutet und das Fleisch abgetrennt und zum Teil auch die Organe, je nach dem wo der Schuss gelandet ist. Bradys Aufgabe ist es dann das
ganz Zeug den Berg runter zu schleppen, sein Rucksack wiegt dann ca. 45kg. Als Trophäe wird dann natürlich noch der Kopf mit den Hörnern abgetrennt und mit nach Hause genommen. Abends gibt es dann leckeres Schaf! Und das meine ich durchaus nicht sarkastisch! Es ist wirklich super lecker und so zart! Ich habe lange nicht sowas gutes gegessen.
An unserem freien Tag bin ich mit Morgan auf die andere Seite des Flusses in das Tal. Wir hatten glücklicherweise Sonnenschein und konnten uns wunderbar entspannen. Wir sind deshalb dort hin, da Morgan ein paar Tage vorher ein großes Moosegeweih im Gebüsch hat liegen sehen. Nachdem es dann gegen späten Nachmittag doch angefangen hatte zu regnen, sind wir auf dem Rückweg durch das Gestrüpp hin und her geritten, um dieses Geweih wieder zu finden. Ich wurde dann schon etwas ungeduldig, da mir kalt wurde. Doch dann habe ich irgendwas Weißes am Boden gesehen und Stopp geschrien. Dann meinte Morgan „Oh yea it’s over there!“ Also sind wir runter von dem Pferden und dahin. Ich habe dann gesagt, dass ich woanders was Weißes habe liegen sehen. Und Tadaaa wir hatten das linke und rechte Geweih gefunden. Mir war in dem Moment nicht so ganz bewusst wie ungewöhnlich das ist und das man viel Glück dafür braucht. 
Die Tiere werfen ihr Geweih jedes Jahr ab, dabei kann die eine Hälfte 1h oder auch 2Tage später abfallen, d.h. dass die Meilenweit auseinander liegen können. Dazu haben wir noch eins gefunden, dass riesig ist und als Trophäe gehandelt wird, dazu muss das Tier über 60 Jahre alt sein und das Geweih größer als 60inches oder so. Ich fand es auf jeden Fall total cool! Und im Nachhinein, nachdem ich über alles aufgeklärt wurde, weiß ich es zu schätzen und freue mich noch mehr drüber! :)
Anfangs bin ich auch wandern gegangen, doch nachdem einer der Jäger auf dem Rückweg keine 200m vom Haus von einer Schwarzbärin (die ihre zwei Sprösslinge dabei hatte) angegriffen wurde, er ihr zwei Kugeln in die Brust geballert hat und wir den Bär zwei Tage später wieder gesehen haben, bin ich davon abgekommen. Leider ziemlich schade, da überall Blaubeeren sind und man sich den ganzen Tag in die Tundra legen und alles leer futtern könnte. Allerdings sind die Gebüsche ringsherum so undurchsichtig, dass man die Tiere erst ziemlich spät wahrnimmt und die Tiere einen auch! Und so sehr ich Bären mag, aber ich muss dann doch nicht erleben wie eine Bärenmama vor mir auf zwei Beinen steht, mich anbrüllt und auf mich zu rennt. Außerdem ist es ziemlich beunruhigend, dass das Tier mit zwei Schüssen in der Brust immer noch weiterlebt. Bärspray schön und gut, aber ich bezweifle, dass das irgendetwas ausrichten kann, wenn das Tier sowas übersteht. Daher bin ich ziemlich ans Haus gebunden, aber vom Balkon sieht man öfters Karibus vorbei laufen und mit dem Fernglas kann man ringsherum ums Haus kleine Schafe und Lämmer beobachten.
Am Ende ist die Zeit wie im Flug vergangen! Man hat das Gefühl man muss sein so ruhiges liebgewonnenes Zuhause gegen das unruhige Treiben der Großstadt eintauschen und ich bin mir nicht so sicher, ob ich davon wirklich begeistert bin. Morgan und ich haben viel über das Leben hier draußen nachgedacht und ich finde, dass man so einen „Zufluchtsort“, so abgeschieden wie möglich, definitiv haben sollte. Sei es in Alaska oder irgendwo anders. Man verliert jegliches Zeitgefühl und genießt einfach den Tag ohne auf die Uhr zu gucken – und die muss man hier draußen auch erstmal finden. Ich konnte schon nach ein paar Tagen nicht mehr sagen welchen Wochentag wir haben geschweige denn welches Datum. Mein Körper hat sich völlig der Sonne und dem Mond angepasst was ich ziemlich erstaunlich finde. Ich bin viel ruhiger, ausgeglichener und entspannter geworden und hoffentlich verliere ich das nicht.
Auf dem Rückweg bin ich mit einem kleinen Charter Flugzeug geflogen, in das nur 2 Leute reinpassen. Ziemlich kuschelig und man merkt jedes kleine Luftloch! Ziemlich wackelig das Ganze, aber die Aussicht ist einfach sensationell. Für die gleiche Strecke für die wir mit den Pferden 4 Tage gebraucht haben, haben wir keine 45min mit dem Flugzeug gebraucht. Zu dieser Jahreszeit wird es langsam Herbst und die Farben sind einfach leuchtend. Ich habe das versucht auf Fotos festzuhalten, aber ich bezweifle das es genauso wunderschön rüberkommt.
Letztendlich war es einfach fantastisch und ich bin einfach so überglücklich, dass ich durch unzählige Zufälle hier hin geraten bin und vielleicht komm ich nächstes Jahr zurück!
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